copyright © Delia Güssefeld 2001
dguessefeld@dieheimatdelias.de

Tagebuch


Spurensuche über Erinnerungskonstruktionen in der Familie.
Quellenwert der Tagebücher aus vermeintlich großer Zeit

Vortrag gehalten auf der Tagung
Kinder der Opfer - Kinder der Täter. Spuren der Geschichte im Leben der folgenden Generationen.
Eine deutsch- litauisch- polnisch-russisch ukrainische Begegnung
vom 20 bis 22. April 2001
OSTSEE-AKADEMIE Travemünde >


Prof.Wladimir Gilmanov, Koenigsberg Podium mit Prof.Dr. Peter Heinl, Sybille Dreher, Alexandra Rossberg ( ESRA), Dr. Gustav Bekker Astrid von Friesen, Deutschland Ludmila Filatowa, RusslandDr.Peter Heinl, Grossbritannien

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich werde jetzt zu Ihnen sprechen über das Flucht-Tagebuch meiner Großmutter Susanna Schroedter, über meine Erinnerungen an die Erinnerungen meiner Mutter, die gerade sechzehnjährig und dabeigewesen ist als dies Tagebuch verfaßt wurde.
1
Zeichnung meiner Mutter nach der Flucht
Ich habe die meine Mutter betreffenden Stellen lang und breit vorgelesen und zwar auf der Gesellschaft zu ihrem siebzigsten Geburtstag. Eine Tante weinte. Meine Mutter nicht.
Dann werde ich auf die Verflochtenheit eingehen, die entsteht wenn ganze Familien, ich werde die meinige als Beispiel nehmen, - sich Mitte der fünfziger Jahre durch Heirat verbinden, neue Identitäten mit neuen Chancen auf Glück bilden.
Danach werde ich meine Erfahrungen bei der Veröffentlichung dieser ergibigen Quelle schildern.
Und zum Schluß Hinweise auf gerontopsychologischen Beobachtungen aus meiner Tätigkeit in einer Berliner Sozialstation geben.Aus aktuellem Anlaß.

Das Flucht-Tagebuch

Ich wuchs in meine Familie hinein ohne Kenntnis dieses Tagebuchs.
Es ist ein Tagebuch, welches meine Großmutter vom 1. Januar 1945 bis zum 20. Mai und dann noch jeweils ein paar Tage im Juni Juli August September und Oktober führte. Sie war schon lange eine Tagebuchschreiberin und 1945 füllte sie 69 Oktavheftseiten. Sie schrieb in ihrem Heimatort Eichwalde im Großen Werder bei Danzig und auf den Stationen ihrer Fluchtroute: Mariensee, Danzig, der Zug nach Schleswig-Holstein und Kasseedorf bei Eutin. Über 126 Menschen berichtet sie namentlich. Das Tagebuch ist in Familienbesitz und seit drei Jahren auf meiner Homepage publiziert, die sie hier an der Wand sehen.Es besitzt eine eigenartige Rezeptionsgeschichte, auf die ich später noch zurückkomme.
Ich selber wuchs auf in Ermangelung von Geschichten, die Fluchterlebnisse betreffen. Meine Mutter schien sich ganz ohne ihre Fluchtgeschichte zurechtfinden zu wollen. Wenn sie für schmerzhafte Behandlungen zum Zahnarzt ging - dachte sie relativierend angeblich an die Besatzung des damals gerade untergegan