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9.TagDienstag 29. Juni

Karolewo/Schwarzstein nach Stary Folwark

140 km

Morgens Sprühregen, dann angenehm heiß . Westwind. Das ist wunderbar. Leider bemerke ich erst spät, daß das Geräusch, das sich wie eine entfernte Kreissäge anhört, vom Ärmel meiner eleganten teuren Strickjacke herrührt, deren Ärmel sich zwar nicht um meine Speichen gewickelt, aber jetzt doch ein schmutziges Loch hat. Später ziehe ich den Ärmel immer hoch, wenn ich die Jacke trage, so daß das Loch verdeckt ist. Bis Lötzen fährt es sich gut durch Wald und viel bergab. Ich bin gut in Form. In Lötzen sehe ich Militär und das Treiben der Urlauber. "Tajti" Hotel ist mehrfach angezeigt. Das ist ja zu lustig. Aber ich mache extra kein Foto, denn ich will ja nicht die Merkwürdigkeiten ablichten, sondern das Charakteristische. Hotel Taijti. Hotel "Europa" gibt's auch sowie andere Art Straße, breite Umgehungsstraße mit Schwerlastern. Ich bin schon gespannt auf den Abzweig Suwalki.

Dann:

Neue Straßenführung mit Kurventechnik. Bäume an der Straße sind solche der schnellwüchsigen Art und neueren Datums, flaches, welliges Land. Ich merke, daß ich eine Grenze überschritten habe. Große Seen. Wohlstand. Fast kein Gebäude bröckelt. Straße gleichbleibend gut asphaltiert. Zweimal Waldgebiete bei km 61 von Czerniki/Straße aus Wald nicht so märchenhaft wie Tucholski, dafür aber sogar mit Leitplanken. Heute ist Radfahrwetter // km 72 Hinter mir die schönste Strecke wegen der Bäume, die so hoch wachsen; in zweiter Reihe sind Pappeln gepflanzt, die die alten Bäume zu schützen scheinen; wenig Autos, nur alle paar Minuten. Links ist jetzt ein großer langestreckter See, menschenleer. Jetzt Kreuzung vor mir // Sonnenbrand kündigt sich am rechten Arm an. In Olecko neue Kirche im Zentrum der Stadt. Olecko hieß Treuburg, Ich denke an Herrn Treu, der mich zu dem Ball der Domus Rigensis Tage eingeladen hat. Ich wende wieder meine bewährte Oberschülerinnenmasche an. Da schaltet sich aber ein bulliger, sehr norddeutsch wirkender junger Mann ein, der sich als Fliesenleger herausstellt, der 5 1/2 Jahre in Hamburg gearbeitet hat. Es ist wohltuend zu hören, wie selbstverständlich er über seine Heimat spricht. Es würde noch immer schöner werden in Richtung Suwalki. Die zwei Berge die dazwischen lägen, würde ich wohl mit der Gangschaltung spielend schaffen. So so.... Das baut auf. Jetzt sitze ich in einem der als neu angepriesenen Hotels bei einer guten Gemüsesuppe, das Hotel ist grauenhaft mit künstlichenBlumen und desinteressierter Atmosphäre. Danach setze ich mich noch für einen Kohlfleisch(.....)Zurek an den nächsten See, filme auch, bin ganz entspannt , warte eigentlich, daß die Zeit vergeht und ich in die Abendstunden komme, die zum Fahren angenehmer sind. Foto nach Olecko 14 km Nach Olecko nagelneu leuchtend renovierte Barockkirche auf einem hohen Berg. Foto Trecker mit Heuernte und vier Kindern obendrauf Der Ort heißt Bakalarzewo kurz hinter der Grenze von (?) nach dieser Stadt gewelltes quasi Hochebene erinnerte mich ein bischen an Schlesien auf der Fahrt nach Heuscheuergebirge mit Günther , eine Gebirgslandschaft. Ich entscheide daß ich diese Pferde, Kühe und Bäume nicht fotografieren werde. Auffällig erscheint mir, daß buchstäblich jedes Haus neu ist. Unverputzt. Das ganze endet in italienisch anmutender Ebene ohne jede Absicht, Bäume an die Straße zu setzen. Hier haben wir die Geschichte verlassen, die Tradition der schattenspendenden Bäume. Der Fußgänger muß sehen, wie er überlebt. Hier ist die Zukunft, wie sie sich die Verkehrsplaner des Grenzgebietes vorstellen.Foto nagelneue Bushaltesstelle 138 km gefahren bis Stary Folwark Ich fuhr noch auf die Skyline von Suwalki zu, wie auf eine Fata Morgana . Am Horizont tauchen weiße neue Hochhäuser auf und nicht eine Silhouette von Kirchtürmen wie in Greifswald z.B.. Suwalki stellt sich als geschäftige Stadt heraus, die optisch an Potsdam erinnert, denn es gibt unzerstörte barocke Teile. Ich habe aber Angst davor, daß nun aus den vielen Sexclubannoncen für mich sich ein unangenehmer Abschluß des Tages ergeben könnte und fahre weiter in ein großes Naturschutzgebiet, frage mich durch zu dem arrivierten Urlaubsort Stary Folwark. Atmosphäre ist völlig anders auf einmal. Hier gibt es relaxende Urlauber, denen man ansieht daß sie auch während des restlichen Jahres eigentlich nicht arbeiten. (Der Merksatz dazu fällt mir später ein: Hier ist ein traditionelles Schmuggelgebiet). Ich bekomme ein teures Zweibettzimmer angeboten für einen Zweibettpreis von einer fitten Frau in einem fitten Einzelhaus. Ich wende mich der siebzigerjahre Jugendherberg zu, wo ich Dariusz treffe, der gerade in Nijmwegen sein betriebswirtschaftliches Diplom in einer deutsch/englischen Universität abgelegt hat und mit seinem Auto ein paar Tage Erholung sucht. Er kommt aus Posen, das heißt aus der Region Posen von Bauernhof. Posen ist das am meisten moderne, westlich orientierte Gebiet in Polen. Wir quatschen lange, dann gehe ich in mein Turmzimmer. Nachts friere ich kurz. Aber gegen sechs sticht die heiße Sonne schon wieder.

10.Tag Mittwoch 30. Juni

Stary Folark bis Mariampole

Zubrooke Foto alt neu( alte Scheune bei neuem Haus) kurz vor acht Uhr morgens fotografiert, filme die Kirche in Krasnopol. Gepflegtes Neues und gepflegtes Altes . Seijni ist dann die Stadt vor der Grenze, verschiedene Kantors. Eine Kinderkarre mit absolut solide und westlich teuer gekleidetem Kleinkind, daß sich lebhaft präsentiert. Ein Frau zeichnet die neustrahlende Barockfassade der Kirche, große Straße nach Ogrodniki, neu, ohne Bäume fast, aber doch neu gepflanzte, mal hier drei Lärchen, mal da drei Lärchen. In Ogrodniki empfängt ein See mit Badestelle an der Straße. Das Alte grüßt durch eine Eiche, breit und rund. Ansonsten geschäftiges Anfahren an die Raststelle, wo ich einen Kaffee im Plastikbecher bekomme und Grund sehe, mich deutlich zu beschweren über diese Unsitte. Hier läuft das aber anders, distanzierter. Man merkt den Passanten an daß sie nicht so schwer arbeiten, die Stimmung ist enspannt/relaxed Charles Bronson fällt mir ein Charles Bronsky Bronstein ( das ist aber Trotzky, Nachtrag) die polnische Nation teilt sich auf: Schlesier, Leute aus der Krakauer Gegend ... und hier sind es eben die litauischen Polen. Dariusz fällt mir ein, der von seinem Vetter in Kanada erzählt, daß er Pastor gewesen sei in Polen, bevor ihm das zu bunt wurde und der sofort helfen würde, falls die Polen ihre Priester aufzuhängen begönnen. Dariusz nennt sich auf seiner Visitenkarte lieber Mariusz und will mit einem deutschen Partner ein Finanz- und Immobiliengeschäft eröffnen.

Grenzübergang großzügig weitläufig geteert. EinTouristenbus mit Japanern, die laufen alle mit Sonnenschirmen. Ja, es ist heiß und deshalb habe ich das langärmelige T-Shirt angezogen und man findet an der Straße gar kein Versteck zum Pinkeln. Gleich am Anfang habe ich Schatten auf einem Friedhof im ersten Ort gesucht. Treffe zufŠllig polnischenJugendleiter Ein Vogel singt hier ausgesprochen melodisch. Klein und hell sieht er aus es muß wohl eine Nachtigall sein und die Toten haben alle litauische Namen und große Grabstellen.

Nach der Grenze sah ich umgehend Pferdewagen, frische Pferdeäpfel auf der Autostraße, ein Wagen fährt sogar zweispännig. Alle Menschen scheinen neue Kleidung zu tragen, sie wirken aufgeschlossen.Foto Kleinkind Drei Jungen, etwa vierzehn Jahre, in absoluter Freizeitkleidung gabeln Heu auf Haufen.

Ein Kind spielt mit einem kleinen Hündchen in Litauen. Gelöst - keine Hektik, Der Hund ist ausgesprochen niedlich wie ein Stofftier, der kleine Junge ist vielleicht ein dreiviertel und läuft wie einKleinkind läuft. Die Atmosphäre ist gelöst und normal. Es ist nicht die Attraktion für die Mutter, daß ihr Kind die Gelegenheit hat, mit einem Hund zu spielen, besonders auch schreit sie nicht dauernd, wie das Kind jetzt handeln soll. Auch ist der kleinen Junge nicht affektiert. Ich habe eine solche Freude daran zuzusehen. Ich denke daran, es zu filmen, aber ich will nicht stören. Dies ist so wertvoll für mich zu sehen, daß es eine heile Welt gibt, die ich so selten sehe. Das Foto paßt zu dem, auf dem Gerhard 1944 in Eichwalde zu sehen ist, wie er einen Hund zu streicheln versucht. Unterschrift Aber bischen Angst hat er doch..." War das denn nicht die heile Welt? Kannte Familie Schroedter ihre Tiere nicht?

Abends komme ich nach Mariampole, in einem Abendlokal frage ich nach Hotels, ein passendes scheint es zu geben, dort werde ich hingeschickt. Es ist ein Neubau mit Rezeption im zweiten Stock über ein aufwendig tapeziertes Treppenhaus zu erreichen. Trotzdem ist der Preis überraschend 120 Mark. Ich bitte die junge Dame für mich bei einem preiswerteren Unterkunft anzurufen. Das ist ein Motel fünf Minuten entfernt. Auch Mariampole ist keine Großstadt. Dort angekommen, werde ich abgewiesen. Das Haus sei voll. Wieder muß ich energisch werden. Sie reduziert sogar den Zimmerpreis noch ein wenig. Ich zahle 15 Mark etwa. und bin dann auf meiner Etage fast allein. Allerdings habe ich schon verstanden, daß ich die anderen Gäste wohl nicht durch meine Anwesenheit irritieren soll. So füge ich mich. Allerdings bitte ich morgens an der Rezeption um einen Kaffee, den ich auch bekomme und die Damen lassen sich von mir fotografieren. In diesem Land wird sicher mit harten Bandagen gekämpft. Weich und reizend sind sie hier nicht.

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