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11. Tag 1. Juli Donnerstag

Mariampole bis Siauliai

Jetzt bin ich um zwischen 8 und 9 genüßlich weggepennt gestern abend. Die Sonne sticht schon hoch ins ZimmerIch glaube, ich muß die Uhr umstellen Ich komme mir nicht mehr besonders gepflegt vor.Der Sonnenbrand an der unteren Wade tut weh Ich will noch zu gestern schreiben. In Kalvaria versuchte ein Mann mir auf 10 Litas herauszugeben statt auf zwanzig. Ich herrschte ihn auf deutsch und englisch an, dann gab er sofort das restliche Geld Heute morgen träumte ich noch, daß ich nach Hause kam und Familie Ernst und Susanne hatten sich breit gemacht mit guten alten Möbeln. Für uns war kaum noch Platz. Zuerst war mir das nicht so klar, aber dann wurde ich sehr wütend und extrem erregt. Auf Susanne besonders, die meint, mit Geld alles zu beherrschen

Ich überlege mir sytsematisch die Vor und Nachteile einer Weiterfahrt und die Risiken:

Ernährung Trinken

Sonne

Sonnenbrand

Hoffen auf angenehmes Leben in Riga

Wind

Radzustand

Image

Bis Riga radfahren

Zeitfaktor

Kontakte

Aussichten

Mein Gesundheit: Kreislauf OK Haut nicht ganz. Magen OK

Risiko, auf der Via Baltika einen Unfall zu haben

Rad klauen / sehr gering

Was würde meine Reise beenden?

Eigentlich wohl nichts . Geld weg? Die Chance ist geringIch weiß nicht, ob ich es mir zu anstrengend mache, wo meine Grenze der Körperbelastung liegt. Das muß ich aber selber wissen. Disziplin im Alkohol. Kein Bier, Zigaretten keine. Ich möchte aber auch noch das Glück und den Zufall kennen lernen. Land und Leute lernt man auch an dieser Straße kennen, die für mich ein besonderes Flair hat , vielleicht wie der Autoput in Yugoslawien. Termine sind nur der 10. Juli, dieses Fischerfest in Pavilosta

(einzelzettel Din a 5)

Lietovos Kuras an km 2.8 (Firmenzeichen)

gestern Lit. Pferdeäpfelgeruch frisch, Lindenblüten, Wald duftet

8 Uhr 40 Via Baltica fasziniert. Zwei Tankstellen Hering Kaffee Nüsse Datteln Traubensaft Selita Brause 17,50 Litas Nirosta Waschbecken und Wasserhahn für die Füsse. Ich putze mir die Zähne. Klasse! Diese ist Straße im alten Sinne. Dann km 17 Grinius Denkmal. Sehr gute Plastik englisch litauische Beschriftung. Plexiglasgeschützte Texttafel. Parkanlage. Tote Tiere sind auf dieser Straße sehr platt. Anders als in Polen, wo die tTere frisch bleiben quasi, sehr frisch. Ich trauere anders. In Litauen sind die Frauen groß, offen, hübsch, mädchenhaft, große Busen, breite Hüften, Minikleider, Feldarbeit im BH. Im Motel wollten sie mir zuerst kein Zimmer geben. Ich mußte mit dem Argument insistieren, daß vom Hotel Jazz angerufen wurde. Darauf mußte ich dann auch nicht mehr 45 Litas berappen, sondern 30, - was ja nur 10 Mark sind.. Kaffee gab es dann morgens auch aus Gefälligkeit. Ich sitze an einer Bushaltestelle. An meinem Busstop hält gerade ein Kleinbus, zwei Hausfrauen sind schon drin. bei km. 3.8 links einen Bahnhof gesehen, der gerade renoviert wurde.Türen werden abgebeizt. Alte grüne Holzbauten. Eine blonde sehr junge Stationsvorsteherein versteht etwas deutsch. Der Traubensaft schmeckt ekelig. Die Brause übrigens auch. Leider spricht sie den Ort Siauliai ganz anders aus. Unterwegs kam noch in den Lebensmittelladen, in dem ich einen Krapfen und eine Gurke kaufte, eine Wagenladung aus einem "RUS"gekennzeichneten Auto. Sehr komisch und verdächtig dunkel. Die Via Baltica ist teilweise nicht fertig, es gibt Birkenalleen, gar nicht gleichmäßig. Auf der Karte ist sie auch nicht extra gekennzeichnet. Ist aber die E 67 StraßeIm Zug nach Schaulen, der wie die Berliner S-Bahn aussieht, sitze ich jetzt. Leute wirken alle ziemlich normal.Die gleiche Mentalität scheint das zu sein, wie wir haben. Welcher Gegensatz zu Polen! Mein Rad heben immer zwei Männer ins Abteil. Wir fahren fünf Minuten durch einen Tunnel. Es gibt Silos, auch die Memel fließt durch Kaunas. Kinder baden in dem reichlich Wasser führenden Fluß an dem unbefestigten Ufer. Große Boulevards trennen den Fluß von der Stadt. Die Silhouette beeindruckt mich nur in Maßen. Hier ist Kalnenai und der Bahnhof wird auch renoviert. Die Bäuerinnen tragen weiße Kopftücher. In Gaizinai gibt es eine alte Bahnstation mit holzgeschnitzter Giebelverzierung. Ich sehen Güterwaggons mit Baustoffen. Sehe ich die alte oder die neue Welt? In Kaunas tendierten auffällig viele Frauen in der Fußgängerzone in ihrer Aufmachung ins vulgäre, nuttenhafte. Der Traumberuf der osteuropäischen Frau soll ja Model sein. Es ist offensichtlich, daß viele Frauen ungeniert hier eine Chance sehen. Der Bahnhof von Auslese ist achtgleisig eine Stunde bin ich jetzt bis Jonissa gefahren. Wo ist wohl eigentlich Eydtkuhnen? Jonava mit Backsteinbahnhof. Gerade sehe ich eine riesige Autobahntrasse in der vorüberziehenden Landschaft.

(Ende Din A 5 Zettel)

Was war Donnerstag noch? Habe für Hitchhiker Stasis, (dunkle Locken Goldzahn T-Shirt Rucksack ,den ich nicht mal anheben konnte - und noch einen Campingbeutel dazu) 1 1/2 Stunden auf bagage aufgepaßt. Auch gefilmt, teilweise mit dem Gefühl, daß, wenn jetzt einer mich beobachtenwürde und die Camera haben wollte, ich doch keine Chance hätte. Einmal wurde ich angesprochen von einfacherem Mann. Aber freundlich und respektvoll. Zug von Moskau nach Vilnius beeindruckte mich und regte mich auf. Das ist für mich etwas ganz besondres, warum weiß ich auch nicht so genau. Auch wegen des Anblicks.

In Kaunas fuhr ich durch die Fußgängerzone (ein Lokal am nächsten) - lang und breit mit extra Mittelstreifen: Baumbestanden in der Mitte. Auch Computergeschäfte. Frauen teilweise zu sehr aufgemacht. Am Rathausplatz, der rechteckig und sehr geräumig ist ,nur ein Lokal, das ich prompt wählte. Kreuzgewölbter Eingang Pferdefotos. Vier Tische draußen. Als dritten Gang aß ich Schweinefilet Champignons mit Backkartoffeln, Salatdeko und Sauce. Ich aß ein exzellentes Essen. Der Dom und die anderen Altertümer, die ich sah, bestanden meine Qualitätsprüfung von außen schon nicht. Aber das Panorama am Fluß, nämlich die Memel, rührte mich sehr. Dorthin kam ich an an der offenen Tür einer gotischen Kirche vorbei, - Orgelmusik - und die Tür war groß genug, daß ich für einige Sekunden mit einbezogen war, ich nahm teil mit dem einzigen andren Zuhörer. Das Panorama am Fluß mit badenden Kindern und irgendwelchen Silobauten und alten und neuen Brücken imposant.

Ich merke, daß ich im Gleichgewicht bin. Ich sehe, was ich sehe. Und ich bin urteilsfähig.

Gestern abend noch gewaschen und BBC geguckt. Im russischen Fernsehen und im litauischen Fernsehen Angelbeiträge. In der Weltpolitk ist nix passiert. Erstmalig an Joschka Fischer gedacht und an Kohl (an Schröder gar nicht) aber der erste Abend, an dem ich zu gewissen klaren Gedanken zur Perspektive meiner Reise fähig war. Domus Rigensis Tage sind doch das erste Ziel für mich. Ich erwarte die zweite Phase meiner Reise, die gepflegtere. Ich mache mir wieder Gedanken, wie ich wirke.

12. Tag 2. Juli Freitag

Schaulen nach Jelgava

Die sehr männlich wirkenden jungen Männer könnten alle meine Söhne sein. Ich spüre nur geringes Interesse an mir als Person. Offensichtlich ist das nicht üblich. Aber welcher Unterschied zu Polen! Suwalki und Mariampole Gegend . Nun ist hier richtig Litauen(?)

Frühstück in der Bar neben meinem Hotel. Junger Mann versteht anstandslos englisch . Hotel Siauliai. Sehr sympatische Stadt. Die Oberschülerinnen die ich hier fragte, waren Studentinnen, die nach ein paar Sätzen fragten, wie mir die Stadt gefalle. Das fand ich selbstbewußt. Gestern 17.51Uhr bis 21.05 Zugfahrt von Kaunas nach hier. Auf Bahnhof Kaunas Litauer Freak getroffen. Mit Goldzahn. Der kam sich wohl besonders vor. Ich konnte seinen Rucksack nicht anheben, auf den ich für zwei Stunden aufpaßte. Ich ruhte mich dabei aus auf einer Bank am Bahnsteig und beobachtete ruhig das Treiben am Zug Moskwa Vilnius.

Der Zug nach Schaulen war von der gleiche Bauart wie die Berliner S-Bahn. Für mich ein verbindendes Gefühl. Ein Paar mit Kind wirkte gebildet. Wie man sich vielleicht ein Lehrerpaar vorstellt, ein Paar, das sich unterscheidet und sich dessen bewußt ist. Ich beobachtete sie lange. Mein Rad war in einem engen Vorraum zum Maschinenraum untergebracht. Zugführer oder Maschinist bat mich zur Besichtigung des Führerstandes. Insgesamt ein paar Minuten. Als Tourist komme ich mir immer wieder vor, wie Amerikaner sich vielleicht in Deutschland vorkommen müssen. Bei den landesunüblichen Luxusansprüchen. Aber vielleicht ist es auch nicht so. In Kaunas Vorspeise geschnitzelter Käse darüber geschnitzeltes Eiweiß, danach polnische Buttermilchsuppe mit roten Beten, die hier selbstverständlich kalter Barschtsch heißt. Ich war begeistert und teilte das der Bedienung ausführlich mit, die das aber nicht begriff, glaube ich, weil ich nämlich auf englisch ihr noch zu erklären versuchte, daß das Rezept in der Brigitte gewesen war letztes Jahr, und das wir die schon zuhause sehr genossen hatten.

Nach Schaulen Der Berg der Kreuze.

8 km von Dorf G(...) retour. zuerst denkst Du: ein Schrotthaufen, später dann Land Art (siehe Filmaufnahmen,) auch Kreuze aus Deutschland "Litauenhilfe" mit Metallschild kommt mir geschmacklos vor "Hilfe die ankommt". Ich bin später aber doch ergriffen.Mit Moteltaxi lasse ich mich für 30, - DM - mein Freundschaftspreis(im Sinne von : "Hilfe die ankommt", -- bis zur Grenze fahren. Dann EntrŽe in diesen Staat Lettland : perfekt! Erstens eine Superstraße. Zweitens : Allee so gut ausgedacht: Apfelbäume in doppelter Reihe, davor noch Birken, dahinter Pappeln. Foto gemacht Schnurgerade Richtung ruhige Stimmung. Lettland sollte meiner Wahlheimat werden, denke ich. Porst, entscheide ich, muß diese weiße Blume sein und Kalmus ist ja diese Pompesel-Uferpflanze

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